Dienstag, 28. Juni 2016

Liebe Tante,

wie geht es dir? Ich hoffe gut, aber ich befürchte schlecht. Schließlich habe ich mich lange nicht bei dir gemeldet und das sorgt ja meist für eine signifikante Verschlechterung deiner Lebensqualität. Zumindest vermittelst du mir diesen Eindruck, wenn wir miteinander telefonieren.

Wie du siehst, melde ich mich auch von alleine. Es dauert bei mir eben nur etwas länger, bis das Bedürfnis aufkommt.
Bis es soweit ist, hast du allerdings meistens schon dreimal angerufen. So komme ich gar nicht zum Zuge.

Warum bist du eigentlich so ungeduldig, du hast doch den ganzen Tag Zeit? Aber warte, ich glaube, ich kenne den Grund. Du hast nie Kinder gehabt, deswegen kannst du nicht nachvollziehen, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt, als sich für eine Weihnachtskarte zu bedanken. Und auch Wichtigeres als sich mehrmals für dieselbe Weihnachtskarte zu bedanken.
Und wenn man den ganzen Tag Zeit hat, dann langweilt man sich auch schnell mal. Und dann überlegt man, was man noch so machen könnte. Und dann fällt einem ein, dass man ja mal wen anrufen könnte. Und irgendwo auf dieser Liste stehe dann ich ...

Wie geht es dem Onkel? Leider nicht so gut, denke ich. Ich weiß ja, dass du dich schon jahrelang um ihn kümmern musst. Eigentlich sollten das geschulte Pflegekräfte übernehmen. Du bist schließlich auch nicht mehr die Jüngste und schadest dir vermutlich mehr selbst, als dass du ihm hilfst. Heutzutage kommen die doch auch ins Haus, von einem Pflegeheim muss man da ja gar nicht reden.
Ich kann dir aber sagen, dass ich jetzt keine Beschwerden über die Arbeit hören will, über die verlorene Zeit, die durchwachten Nächte und die mangelnde Flexibilität. Schließlich wusstest du, was dich erwartet. Du hast es bei deiner Mutter bzw. deinem Bruder, der sich die ganzen Jahre um sie gekümmert hat, jahrelang so gezielt ignoriert, dass man nur von Absicht sprechen kann. Und ich möchte auch keine Beschwerden über deinen Bruder hören. Schon allein des Blutes wegen steht er mir näher als du. Eure Zankereien könnt ihr unter euch ausmachen.
Im Nachhinein ist es ja gut, dass du deine Ressourcen geschont hast, so dass du dich jetzt besser um den Onkel kümmern kannst.

Versteh mich bitte nicht falsch. Ich freue mich ja darüber, dass wir noch Kontakt haben, du bist in meiner ganzen Verwandtschaft die einzige, mit der ich ab und zu telefoniere oder schreibe.
Ich denke, die anderen Tanten würden sich auch freuen, wenn sie mal etwas von mir hören würden, aber wie bereits eingangs erwähnt, brauche ich eben etwas länger. Und die anderen offensichtlich auch. Was nicht weiter schlimm ist, alle sind zufrieden mit dem Status Quo und niemand sonst beschwert sich ...

Ansonsten geht es mir gut. Wir waren im Urlaub und haben es sehr genossen. Ich hatte dir ja bereits die letzten vier Mal nach unserer Rückkehr erzählt, dass wir keine Karten mehr schreiben. Das ist mir zu viel Stress und irgendjemanden vergisst man immer. So kann ich wenigstens guten Gewissens behaupten, dass niemand eine Karte von mir bekommen hat. Und da werde ich auch bei dir keine Ausnahme machen.

Warum unterdrückst du eigentlich immer deine Rufnummer, wenn du anrufst? Du bist der einzige Mensch, den ich kenne, der das macht. Das ist mir irgendwie suspekt. Willst du nicht, dass jemand weiß, dass du das am anderen Ende bist? Also, ich weiß es immer, und zwar weil du der einzige Mensch .. ach ja, siehe oben. Außerdem steht deine Telefonnummer samt Adresse im Telefonbuch und somit auch im WWW. Angst vor Datenklau kann es also auch nicht sein.
Ich kann dir gerne bei Gelegenheit mal erklären, wie man die Rufnummernunterdrückung ausschalten kann.

So, das war es mal wieder, Bilder von den Kindern schicke ich das nächste Mal mit. Bis ich Abzüge von den Digitalfotos habe, sehen sie immer schon ganz anders aus.

Liebe Grüße,
deine Nichte

Montag, 27. Juni 2016


Lieber Autofahrer,

mein fahrbarer Untersatz ist nicht motorisiert, deswegen bin ich trotzdem ein gleichberechtigter Verkehrsteilnehmer. Ich unterliege derselben Straßenverkehrsordnung wie du und gehe davon aus, dass du einen Führerschein hast, da du ja am Steuer eines Kfz sitzt.
WO ALSO IST DAS PROBLEM?

Ich hatte ja schon länger den Verdacht, dass Autos ab einer gewissen Preisklasse ohne Blinker gebaut werden. Die Käufer dieser Fahrzeuge sind wohl meistens der Überzeugung, dass das ein überflüssiges Bauteil ist, weil man ihren Karossen vor lauter Ehrfurcht im Straßenverkehr so oder so die Vorfahrt lässt.
Heute weiß ich, dass die Blinker eingebaut sind, manchmal eben nur an einer anderen Stelle als beim japanischen Mittelklassewagen. Nun ja, hättest du bei der Einweisung mal besser aufpassen sollen.

Vielleicht hast du aber auch Angst davor, dass deine Privatsphäre verletzt werden könnte, wenn andere Verkehrsteilnehmer bereits wüssten, wo du hinfahren willst, BEVOR DU ES TUST. Das kann ich natürlich verstehen, dann man bleibt ja immer gerne etwas geheimnisvoll und möchte nicht von jedem Dahergelaufenen (oder Dahergefahrenen) durchschaut werden. Wobei es natürlich im vorliegenden Fall durchaus sinnvoll gewesen wäre, wenn du geblinkt hättest, BEVOR du abgebogen wärest, dann wäre mein Drahtesel nämlich jetzt noch ganz. Schade um das Teil. Dafür ist er eines epischen Todes gestorben, schließlich hauchte er sein Leben in einem Kuss mit einem Porsche Cayenne aus. Aschenputtel ist nichts dagegen.

Ich muss nochmal auf die Privatsphäre zurückkommen. Mir ist gerade eingefallen, dass man da so eine Art Einverständniserklärung verlangen könnte bei der Führerscheinprüfung. Sinngemäß könnte da stehen
"Der Fahrzeugführer (im Folgenden Fahrer genannt) verpflichtet sich mit Erwerb der Fahrerlaubnis (im Folgenden Lappen genannt) dazu, den Signalgeber (im Folgenden Blinker genannt) zwecks Anzeige einer Richtungsänderung zu verwenden, und zwar BEVOR er diese einleitet. Gleichzeitig stimmt der Fahrer der Verwendung seiner richtungsweisenden Daten durch andere Verkehrsteilnehmer (im Folgenden Idioten genannt) zu. Der Fahrer wird hiermit darüber aufgeklärt, dass diese Daten von den Idioten dazu verwendet werden können, seine Fahrzeuglenkungsabsichten zu interpretieren und weiterzuverwenden. Daher verpflichtet sich der Fahrer ebenfalls zu einem gewissenhaften und korrekten Einsatz des Blinkers. Weder darf dieser zu kurz (nur einmal Blinken zu Beginn eines Überholvorganges) noch zu lang (Blinker anlassen während des Überholvorgangs, besonders auf der Mittelspur einer dreispurigen Autobahn), weder falsch (links blinken, rechts fahren) noch irreführend (links blinken, geradeaus fahren) verwendet werden. Eine Nicht- oder Falschverwendung des Blinkers wird mit einem Bußgeld nicht unter xx Euro geahndet. Sollte es infolge einer Nicht- oder Falschverwendung des Blinkers zu einem unerwünschten Ereignis kommen, so wird der Fahrer unabhängig vom Schuldanteil der anderen Idioten in jedem Fall ebenfalls zur Rechenschaft gezogen."

So, lieber Autofahrer. Ich habe mir jetzt wirklich Mühe gegeben, dir die Situation darzulegen. Ist dann doch sehr viel Text geworden.
Zusammengefasst lautet meine Nachricht an dich:
BEWEG DEINEN VERKRÜPPELTEN ZEIGEFINGER UND BETÄTIGE DEN VERF.... BLINKER, VERDAMMTE HACKE.
Die Autobauer haben sich etwas dabei gedacht.

Liebe Grüße,
dein Fahrradfahrer
Willkommen bei " Briefe, die ich nie geschrieben habe"

Geht es euch auch so? Denkt ihr manchmal "Hätte ich doch das oder jenes gesagt"? Fallen euch die schlagfertigen Antworten auch oft erst später ein?
Ich denke, diese Situation hat jeder schon einmal erlebt.

Genauso geht es mir manchmal mit Briefen. Oftmals ärgere ich mich über eine E-Mail, manchmal auch über einen Anruf. Manchmal passiert mir etwas und ich habe gar keine Gelegenheit, der beteiligten Person meine Meinung zu sagen. In diesen Situationen formuliere ich gedanklich oft Ansagen, Schimpftiraden oder Briefe.
Und weil es viel mehr Spaß macht (und zudem auch hilft ;o), diese tatsächlich aufzuschreiben, habe ich beschlossen, diesen Blog zu starten.

Viel Spaß und schaut hin und wieder mal rein, es gibt sicher öfter etwas Neues zu entdecken ;o)